Zum Glück nur Spam

Als Teenager hatte ich keine echten, sondern nur viele Brieffreunde. Deshalb habe ich immer mit großer Vorfreude und Aufregung als allererstes in den Briefkasten geschaut, wenn ich heimkam. Post war gut, keine Post war nicht gut.

Zum Erwachsenwerden hat einerseits gehört, daß im Briefkasten auch Rechungen, irgendwelche gruselige Ämterpost und sonstige anstrengende Dinge lauern, daß also keine Post zunächst mal keinen Ärger bedeutet. Der Gang zum Briefkasten ist deutlich weniger beschwingt.
Und andererseits redete mir niemand mehr in mein Telefonverhalten rein, ich habe mich also meistens über das Telefonklingeln gefreut, versprach es doch ein schönes Gespräch mit netten Leuten.

Spätestens, seit ich arbeite, zucke ich beim Telefonklingeln panisch zusammen, da hängt zu oft Arbeit dran, oder ungeduldige Kunden, oder irgendein Handwerker, oder irgendeine Bürokratie. Naja, das Zusammenzucken hab ich zugegebenermaßen schon ein bißchen länger, seit einer unwürdigen Phase vor knapp 10 Jahren, in der ich mich nicht zwischen zwei Männern entscheiden konnte, zu feige war, ihnen voneinander zu erzählen, und deshalb, wie soll ich sagen, zwei Jahre lang organisatorisch ziemlich herausgefordert war.
Und auch die Handynummer, die am Anfang nur Freunde und Familie hatten, habe ich ein paar mal in besonderen Fällen auch Ämtern, Handwerkern oder Kunden gegeben, seither gilt das Zusammenzucken auch fürs Handy.

Warum ich das alles schreibe: Nach vielen Jahren, in denen ich eine Menge von Freundschaften, soweit nicht vor Ort, fröhlich per eMail aufrechterhalten habe und mich beim Öffnen von Thunderbird eigentlich immer nur vorfreudig gefragt habe: "Hab ich vielleicht eine schöne mail? Oder ist es wieder nur Spam?", ist mir gerstern zum ersten Mal aufgefallen, daß ich, als der Spamfilter alle neuen Mails weggeräumt hatte, erleichtert dachte "Zum Glück war das nur Spam!"....

Wo soll ich denn noch hinfliehen?
Zu Facebook? :-P
Und wie lange dauert es, bis mich das Bauamt, meine Kunden, die Mieter, die Autowerkstatt, der Schornsteinfeger und die Arztrechnungen auch da finden?
Muriel (Gast) - 16. Mai, 20:45

Zwei Jahre lang? Ich dachte, sowas gäbe es nur in Filmen. Respekt!
Was findest du daran unwürdig?

madove - 16. Mai, 20:58

Unwürdig primär wegen der Feigheit.
Es gab ja in der Zeit durchaus Verdachtsmomente, und die dazugehörigen Gespräche, in denen man mich gebeten hat, doch bitte die Wahrheit zu sagen, ob da was dran sei. Und ich habe, weil ich die Konflikte und ihre Eifersucht nicht aushalten wollte, einfach glatt und ziemlich gut gelogen. Natürlich habe ich mir eingeredet, es sei nur, um niemandem wehzutun. Genau. Vor allem mir.

Und unwürdig, weil es natürlich dazu führte, daß ich keinen von beiden wirklich "genießen", geschweige denn ehrlich lieben konnte, sondern immer nur leicht panisch von einem zum anderen gehetzt bin.

Und unwürdig, weil, als es dann rauskam, für beide natürlich nicht nur der momentane Trennungsschmerz da war, sondern auch die nachträgliche Erkenntnis, daß die letzten zwei Jahre auf Lügen beruhen; man kann also nichtmal die schönen Erinnerungen genießen.

Respekt wäre vielleicht angemessen, wenn man sich miteinander und der Situation auseinandergesetzt und irgendeine sinnvolle Konstellation gefunden hätte. Immerhin waren die beiden gute Freunde (das sind sie übrigens immer noch/wieder).
Aber das habe ICH uns nicht zugetraut, und deshalb diesen Mist gebaut.
Dietmar (Gast) - 17. Mai, 00:39

Witzig: Ich wollte schreiben, dass ich das als nicht betroffener Mann sehr respektabel finde und applaudieren, und da kommt schon der Muriel zuvor ...

madove - 17. Mai, 13:55

Hm, dann muß ich jetzt doch neugierig gegenfragen: Was findest Du/Ihr daran so explizit respektabel und applaudierenswert?
Also ich habe die Haltung "Ich finde das jetzt nicht soo verwerflich" duchaus schätzen gelernt, aber so direkt positiv? (Ich finde ja auch nicht die Polygamie daran verwerflich, sondern die Heimlichtuerei.)
Dietmar (Gast) - 17. Mai, 23:57

Ich finde einfach Frauen gut, die sich ausleben.

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"Ma dove?" ist italienisch und heißt "Aber wo?".
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Den Sinn des Lebens, meinen Platz in der Welt, meinen eigenen Stil, und eigentlich ständig meinen Schlüsselbund. Bislang mit mäßigem Erfolg, aber unverdrossen.
Um herauszufinden, was ich denke, lese ich gerne hier nach. Dafür muß ich es aber erst schreiben.
Daher das blog.


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