Werkstattgespräche

Heute mal ein anderes, auf eine andere Weise aufwühlendes:

Ein alter Kunde (im doppelten Sinne: Sowohl langjähriger als auch fast 90jähriger) kommt nach Monaten mal wieder vorbei. Er sieht deutlich älter aus als beim letzten Mal.

madove: "Ach hallo, Herr P.! Wie gehts?"
Herr P.: "Danke der Nachfrage. Es ist alles ein bißchen schwierig. Wissen Sie, die Augen. Ich kann fast nichts mehr sehen. Und das geht so einfach nicht mehr. Ich löse jetzt meine Wohnung auf und ziehe in eine Einrichtung."
madove: "Oh, das tut mir leid. Ist dann vielleicht besser so."
Herr P.: "Ja, es geht halt nicht anders. Wissen Sie, ich habe immer allein gelebt und alles selber gemacht, da fällt mir so ein Schritt schon schwer. Aber man ist ja vernünftig.
(Zögert kurz)
Und wissen Sie, ich habe mir ein schönes Rasiermesser gekauft (klopft stolz auf seine Manteltasche). Ich schau mir das jetzt mal an, wie ich mich da so fühle in dem Heim. Und wenn mir das keinen Spaß macht, ... meine Kehle find ich auch ohne zu sehen (lacht verschmitzt).
madove: "." (versucht erfolglos, ein angemessenes Geräusch zu machen)
Herr P.: "Aber warum ich gekommen bin: Ich habe noch ein paar Werkzeuge und Materialien, die Sie vielleicht brauchen können - darf ich Ihnen die nächste Woche vorbeibringen?"
Muriel (Gast) - 29. Jan, 09:43

Ist gar nicht so lange her, dass ich hier einer Kollegin dabei zuhörte, wie sie einer Kundin zu erklären versuchte, dass ein defekter Treppenlift kein Selbstmordgrund ist, und mein Vater hat auch regelmäßig darüber gesprochen, welche Methoden er anständig findet, und welche nicht.
Ab einen gewissen Alter scheint das einfach so eine Redewendung zu werden...

madove - 29. Jan, 09:53

Ich glaube auch.
Eigentlich fand ich es auch nicht wirklich schlimm, nur sehr schwierig zu beantworten. Betroffen gucken? Lachen? Zustimmen? Nachfragen?
Ganz im Ernst, in seiner Situation würd ich das vielleicht ähnlich machen, gerade wenn ab einem gewissen (hohen) Alter tatsächlich alles immer schlechter wird, stell ich mir den Gedanken tröstlich vor, "sicherheitshalber" mein Rasiermesser o.ä. in der Tasche zu haben. damit läßt sichs vielleicht auch besser aushalten.
rebhuhn - 29. Jan, 21:03

'unangemessen ernsthafte' antwort:
ich glaube nicht, daß sich jemand [altes] mit einem rasiermesser [?!] selbst die kehle derart aufschlitzen kann, daß er davon stirbt.

meine persönliche meinung ist es, daß man im hohen alter mit seiner gesundheit/seinem leben machen darf, was man möchte bzw. was man seinen [evtl. vorhandenen] angehörigen eben zumuten mag.

wenn er da so praktisch mit umgehen kann, sollten 'wir' das vielleicht auch versuchen :).

rebhuhn - 29. Jan, 21:05

... ich meine, hey:

er lacht 'verschmitzt', schreibst du *g.... find' ich, ehrlich gesagt, ziemlich cool von ihm - da hat er dir seinen reaktionswunsch ja praktisch mitgegeben!
madove - 30. Jan, 22:36

Das Geräusch, das ich gemacht habe, war auch einem verschmitzten Lachen am ähnlichsten. Kam mir aber auch unangemessen vor, ich wollte auch nicht, daß er sich nicht ernstgenommen fühlt. Aber vielleicht kann man auch lachend Sachen ernstnehmen...
Samuel B. - 29. Jan, 21:20

ich würd mir diese selbsteinsicht und den mut dann auch wünschen! muss ich ehrlich zu geben. ich hab lang genug in krankenhäuser und altenheimen gearbeitet, dass ich für mich weiß, dass nicht nicht die quantität sondern die qualität zählt.
und wenn man beginnt weniger, schlechter zu sehen, nur noch schemen erkennt ... in jüngeren jahren mag man das sicherlich noch kompensieren können und wollen, aber mit 90?

wie man darauf reagiert? ich wäre in der situation auch vollkommen überfordert - ist es ja keine alltäglichkeit. ich würde mir vornehmen, bei einem nächsten treffen irgendetwas in die richtung zu sagen, dass es mich beeindruckt hätte.

madove - 30. Jan, 22:37

Ich denke, das werd ich machen, denn es HAT mich beeindruckt.
Nachhaltig.
Samuel B. - 1. Feb, 08:23

out of topic

meine mails gehen an dich nicht mehr durch! neue adresse??

madove - 1. Feb, 08:30

wahhh? nein, eigentlich nicht? ich schreib Dir mal eine testmail.

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Über mich

"Ma dove?" ist italienisch und heißt "Aber wo?".
Der "Name" ist eigentlich zufällig an mir hängenge-blieben, paßt aber bestechend:
Ich suche.
Den Sinn des Lebens, meinen Platz in der Welt, meinen eigenen Stil, und eigentlich ständig meinen Schlüsselbund. Bislang mit mäßigem Erfolg, aber unverdrossen.
Um herauszufinden, was ich denke, lese ich gerne hier nach. Dafür muß ich es aber erst schreiben.
Daher das blog.


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